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  Heinz Heck

HEINZ HECK

Begründer und Leiter des Tierparks Hellabrunn in München

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Die Tierwelt ist international

Es ist eine nette romantische Idee, daß in jedem Land der Erde nur die einheimischen Tierarten zu halten und diese auch in den Landesgrenzen zu behalten seien. Aber die weltweite Veränderung aller Länder und Erdteile hat diesen Traum längst beiseite geschoben. Überall hat der Mensch die Erdoberfläche so verändert, daß die eingeborene Tierwelt oft nicht mehr ihr Auskommen findet oder nicht mehr geduldet werden kann, und überall sind viele zahme und wilde Tierarten eingeführt worden. Selbst in unserer deutschen Heimat, wo die Erhaltung der einheimischen Tierwelt durch den Naturschutz und durch ein vorbildliches Jagdgesetz allgemein als etwas Selbstverständliches angesehen wird, hat die freilebende Tierwelt grundlegende Veränderungen erfahren. Einstmals bei uns heimische Tierarten sind verschwunden, dafür jetzt ausländische Wildarten weit verbreitet. Wir haben den Tieren ihre Umwelt wie einen Teppich unter den Füßen weggezogen und einen ganz anderen Teppich ausgebreitet. Das hat die Entwicklung der Landwirtschaft, der Viehzucht und der Forstkultur mit sich gebracht. Wo früher Ödland und Moor waren, sind heute Felder und Wiesen, wo früher Laub und Mischwälder standen, befinden sich heute Kulturen von Nadelhölzern und anderen Baumarten, die im Laufe der Jahre ebenso abgeerntet werden wie Getreidefelder. Ursprünglich fremd­ländische Pflanzen, wie die verschiedenen Getreidearten, die Kartoffeln und fremden Baumarten dienen der Ernährung und dem Nutzen der Menschen. Für die einheimische Tierwelt ist das fast ebenso, als wäre sie auf einen anderen Stern transportiert worden. Manche Tierarten haben das aushalten und sich den neuen Verhältnissen anpassen können, obgleich sie ihre ursprüngliche Ernährungs- und Lebensgrundlage verloren.

Andere Tierarten haben sich nicht anpassen können und sind verschwunden oder im Verschwinden begriffen. Fremdländische Tierarten, die in dieser verwandel­ten deutschen Landschaft der Neuzeit leben können, sind mit bestem Erfolg so eingebürgert worden, daß sie oft gar nicht mehr als fremdländisch empfunden werden, zum Beispiel Fasanen, Kaninchen, Damhirsche, Sika-Hirsche und Mufflon-Wildschafe. Wir sehen in unserer Heimat statt der Birkhühner und Rothirsche dort, wo diese nicht mehr leben können, die anpassungsfähigeren Fasanen und Damhirsche. Das ist sicher erfreulicher, als gar keine Tiere mehr sehen zu können. Von dieser enormen Umwandlung der ganzen Erdober­fläche macht sich kaum jemand die richtige Vorstellung, wenn er es nicht selbst an Ort und Stelle angesehen und studiert hat. Die Erschließung der Erde hat es mit sich gebracht, daß auf alle Kontinente, ja auf die entfernte­sten Inseln Tiere gebracht worden sind, die früher dort nicht gelebt haben, und zwar nicht nur Haustiere. Die Tierwelt der Erde ist international geworden, wie die Menschheit auch. Das ist ein Prozeß, der sich gar nicht aufhalten läßt. Heute leben europäische Rothirsche, Gemsen, Wapitihirsche, Elche und Himalaja-Tharziegen auf Neuseeland, indische Hirsche in Australien und auf Hawaii, Damhirsche in Süd-Afrika, ostafrikanische An­tilopen und nordafrikanische Mähnenschafe in Texas, und ganz besonders groß ist die Umquartierung der Tierwelt und die Einbürgerung fremder Arten in Rußland und quer durch das russische Asien. Das alles ist nicht nur aus Liebhaberei unternommen, sondern es hat auch eine enorme volkswirtschaftliche Be­deutung. Daneben führte diese Entwicklung zu der erfreulichen Tatsache, daß auf allen Erdteilen in den letzten Jahrzehnten große Naturschutzparks gegründet wurden, in denen die örtlich einheimische Tierwelt erhalten werden soll. Diese Anlagen sind aber trotz ihrer manchmal enormen Größe immer nur Oasen, Inseln, umbrandet von den stürmischen Wellen der Massenvermehrung des Menschen und von der durch sie bedingten rapiden Umwandlung der ganzen Erdoberfläche in Nutzflächen des Menschen in irgendeiner Form.

Wenn wir Südamerika betrachten, wohin jetzt wieder Hirsche gereist sind, muß man sich dabei klar machen: Auf dem amerikanischen Kontinent lebte vor des Columbus Entdeckungsfahrten kein Hausrind, kein Pferd, kein Esel, kein Schaf, keine Ziege, also keines der Haus­tiere der alten Welt. Heute klingt das wie ein Märchen, denn in Amerika, besonders auch in Argentinien, leben heute Millionen von Rindern, Schafen, Pferden und an­deren ursprünglich europäischen Haustieren. Es ist selbstverständlich, daß diese ungeheuere Anzahl von Pflanzenfressern, die heute auf dem früher an großen Tierarten armen Argentinien weiden, nicht ohne ver­ändernde Wirkung auf die Pflanzenwelt des Landes geblieben ist, abgesehen davon, daß die Wälder des Gebirges weitgehend abgeholzt und natürlich auch weite Strecken, soweit sie nicht wüstenartige Steppe sind, um­gepflügt wurden. Mit diesen Umänderungen und mit der Nahrungskonkurrenz der freigrasenden europäischen Haustier-Millionen hatte sich die einheimische Tierwelt abzufinden. Es ist ihr schlecht gelungen. Die wilden Lamas, die Guanakos, die nicht einmal rehgroßen Pampashirsche und die etwas größeren Huemul-Hirsche sind weitgehend verschwunden und werden trotz Schonung immer seltener. Das hat sich schon abgespielt, bevor an­fangs dieses Jahrhunderts europäische Rothirsche im Ge­birge und europäische Hasen in der Pampa ausgesetzt wurden. Diese beiden Tierarten haben sich in der neuen Heimat ausgezeichnet vermehrt, wahrscheinlich deshalb, weil sie von Haus aus eine bessere Fähigkeit mitgebracht haben, mit der Konkurrenz der Haustiere fertig zu werden.

Die meist aus Deutschland stammenden Hirsche sind im Körpergewicht und in der Geweihbildung bedeutend stärker geworden. Bei einem Studienaufenthalt in den Anden hat mich dies besonders interessiert. Denn der Winter ist drüben im Gebirge härter und schneereicher als bei uns. Auch haben die Anden auf weite Strecken vulkanischen Untergrund, auf dem noch dazu bei Ausbruch der Vulkane vom Wind vulkanisch feine Asche ausgestreut wird; diese ist zwar fruchtbar, aber natürlich kalkarm. Man wundert sich also, wie bei diesen, auf den ersten Blick nicht sehr günstig erscheinenden Verhältnissen die Hirsche so gut gedeihen. Soviel ich in der kurzen Zeit meiner Studien sehen konnte, liegt das daran, daß die Tiere erstens im Sommer eine ganz ausgezeichnete Äsung haben und zweitens sich auch im Winter, trotz des Schnees, von den immergrünen Büschen und Bäumen gut ernähren können, welche das Gebirge weit­hin bedecken. Besonders nahrhaft ist eine Art Bambus, welcher im dortigen Herbst am Stamm eine lange Knospe treibt, die dann im Frühjahr einen neuen Ast bildet. Außer den Blättern sind diese Triebe den Hirschen mit ihren langen Hälsen gut erreichbar. Sie haben also auch im Winter Grünäsung.

Da unseren europäischen Tieren die Winterkälte nicht viel ausmacht, gedeihen sie bei diesen Verhältnissen besonders gut, und zwar ohne künstliche Winterfütterung, mit der wir die Rot­hirsche in Deutschland versorgen müssen. Die Rothirsche sind heute ein fester Bestandteil der argentinischen und chilenischen Tierwelt geworden, etwa so, wie bei uns die Fremdländer, die Kaninchen, Fasanen und anderes Wild. Es lag der Gedanke nahe, diese günstigen Verhältnisse auch für andere Tierarten auszunutzen. Wer eine Aufgabe seines Lebens darin sieht, Tiere zu erhalten und nicht im Meer der Menschheitsvermehrung versinken zu lassen, der ist um jede Möglichkeit und um jede Stelle froh, wo Tiere gut gedeihen können, besonders, wenn er mitansehen mußte, was in zwei Kriegen mit der Tierwelt geschah. Daher war ich glücklich, als Herr Generalkonsul Vogel den Plan faßte, auf seiner riesigen Gebirgs­Estanzia LAGO HERMOSO eine Versuchsstation zur Erforschung und zur Erhaltung von Wild zu gründen. Um einen Berg herum wurden ein sehr großes Gatter und eine Anzahl kleinerer Versuchsgatter angelegt; da­zu wurde ein Haus als Institutsgebäude mit einer Woh­nung für den Leiter der Station und der Wildaufsicht gebaut. Dieses Wildforschungs-Institut trägt den Na­men: PARQUE DIANA. Dorthin hat der Münchner Tierpark folgende Tierarten abgegeben: Wisente, Alpen­steinböcke, Mähnenschafe, Gemsen, Mufflons, Davidshirsche, Weißwedelhirsche, Damhirsche und besondere Rassen des Rothirsches. Diese Tierarten leben dort nicht etwa in voller Freiheit, sondern in einem freiheitsähnlichen großen Gatter, so daß man gut beobachten und studieren kann, wie sie auf die neue Umgebung reagieren, wie sie sich an die dortigen Verhältnisse anpassen, wie sie gedeihen, und wie sie :zeit der Umkehrung der Jahreszeiten fertig werden.

Nach den Erfahrungen der letzten Jahre kann man sagen dieser Versuch ist über Erwarten gut gelungen und wird hoffentlich auch noch weiter gelingen, so daß so selten gewordene Tiere wie Wisent, Steinbock, Davidshirsch und auch die anderen da drüben unter freiheitsähnlichen Bedingungen, die wir ihnen hier nicht mehr bieten können, eines Tages einen besonders kräftigen Stamm bilden. Für die Erhaltung dieser Tierarten kann dieses von größter Wichtigkeit sein. In diesem Jahr wurde der Anlage nun ein neues großes Gehege angegliedert, in welchem die argentinische Tierwelt eine bleibende Erhaltungsstätte finden soll. Bezeichnend ist dabei, daß es bis heute noch nicht gelungen ist, die entsprechende Anzahl der Huemul-Gebirgshirsche und der anderen Argentinier aufzutreiben. Wenn also jemand schreibt: „Rothirsch, bleib zu Hause!" so beruht das auf einer romantischen Idee, die beinahe rührend, aber ohne Ahnung von den heutigen Verhältnissen im Naturschutz und in der Erhaltung von Tierarten geschrieben ist. Ich bin überzeugt, wenn man die aus Bayern stammenden Rothirsche drüben fragen könnte: „Wollt ihr wieder nach Hause?" so würden sie mit einer sehr drastischen bayerischen Form der Verneinung antworten.

Heinz Heck

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